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Freiberger Forscher wollen Kohlechemie wiederbeleben

Als Rohstoff zur Erzeugung von Strom steht die Braunkohle im Feuer hitziger Debatten. Manchen der Kritiker ist die Braunkohle „viel zu schade, um sie einfach zu verbrennen“. Tatsächlich lassen sich aus der Braunkohle viele Dinge herstellen, beispielsweise chemische Produkte. Die Bergakademie Freiberg würde das gern im großen Stil aufziehen. Erste Schritte dazu sind gegangen.

Geht es nach Bernd Meyer, dann wird die ostdeutsche Braunkohle noch Jahrzehnte abgebaut. Der Professor der Bergakademie Freiberg hat ein Herz für den Bodenschatz: „Also, wir glauben daran, dass die Kohle der wertvollste Kohlenstoffträger ist, den wir in Deutschland haben. Nicht zur Verbrennung, sondern als Rohstoff für die chemische Industrie.“

Meyer steht neben einem Versuchsreaktor in Freiberg. Dort kommen zu gleichen Teilen Braunkohle und kohlenstoffhaltige Abfälle hinein, zum Beispiel Plastikmüll. Unter enormem Druck und Temperaturen von bis zu 2.000 °C wandle der Reaktor beides in Schlacke und ein Synthesegas um, erzählt Mitarbeiter Alexander Laugwitz: „Mit diesem Synthesegas steht uns ein riesengroßer Blumenstrauß an möglichen Produkten zur Verfügung. Da reden wir über synthetisches Erdgas, das erzeugt und ins Erdgasnetz eingespeist werden könnte. Viel interessanter für uns ist aber die Erzeugung von Methanol und Folgeprodukten, sprich wieder Kunststoffe.“

Die Wissenschaftler sind sicher: Aus ostdeutscher Kohle kann man ähnlich viele Chemieprodukte machen wie aus Erdöl, vom Joghurtbecher bis zum Schuhwachs. Sie wollen in Leuna eine Produktionsanlage bauen, zehn Mal größer als in Freiberg. Derzeit läuft die Planung mit der Fraunhofer Gesellschaft. Chemieparkmanager Christof Günther freut sich: „Das passt eigentlich sehr gut nach Leuna, weil wir die Voraussetzungen haben, um die Produkte, die dort erzeugt werden, aufzureinigen. Die Infrastrukturen, die man benötigt und das Knowhow sind hier am Standort vorhanden.“

Leuna hat Erfahrung mit Braunkohle. Schon vor knapp 100 Jahren machte man dort Benzin daraus, ähnlich wie in der Lausitz. Heute spielt die Kohlechemie weder in Mitteldeutschland noch in der Lausitz noch eine Rolle. Der Grund: Die Verarbeitung von Erdöl ist billiger. Professor Meyer rechnet vor, dass ein Fass Rohöl derzeit 66 Dollar kostet. Erst ab 80 Dollar wäre die Kohlechemie konkurrenzfähig. Deswegen benötigt die Pilotanlage für Leuna eine Förderung, deswegen wird zwei Jahre lang erst einmal gerechnet.

Doch Meyer ist sicher: Erdöl wird wieder teurer. Dann hätten Kohle und Tagebaue wieder eine Zukunft: „Wir sprechen schon von einigen Millionen Tonnen Kohle. Vielleicht ein Zehntel der Menge, die heute verbrannt wird. Aber das sind beträchtliche Mengen, die als Kohlenstoffträger eingesetzt werden. Denn Deutschland importiert auch 20 Millionen Tonnen Erdöl, um chemische Produkte zu erzeugen. Und dieses Äquivalent müssen wir durch heimische Kohlenstoffträger ersetzen. Damit ist die Richtung in etwa gesteckt.“

Sein Chemiereaktor löst dabei noch ein zweites Problem. Wie erwähnt kommt auch Plastikmüll hinein, der darin quasi recycelt wird. Übrig bleibt am Ende nur eine glasig-schwarze Schlacke. Und die, sagt Meyer, könne man problemlos im Straßenbau verwenden.

Quelle: mdr-online vom 30. Januar 2018

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