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Braunkohle-Kraftwerke liefern trotz Hitzewelle jederzeit zuverlässig Strom

Das Szenario ist aus heißen Sommern bekannt. Durch länger andauernde Hitzeperioden sinken Flusspegel und Wassertemperaturen steigen. Einer Reihe von Kraftwerken droht das Kühlwasser auszugehen. Erste Anlagen müssen bereits ihre Leistung drosseln, schreibt die WELT. Einmal mehr Garant einer zuverlässigen Stromerzeugung: die Braunkohle. Selbst das vermeintliche „Stromspeicher“-Land Norwegen wird mangels Wasser zum Importeur.

Für Stromversorger ist der Sommer normalerweise eine sorglose Zeit: Im Vergleich zum Winter ist der Energieverbrauch der Bürger und Industriebetriebe niedrig. Millionen von Solaranlagen speisen in das System zusätzlich Milliarden Kilowattstunden grüner Energie ein.

Die aktuelle Hitzewelle könnte die Stromversorgung in diesem Sommer allerdings zu einer ungewöhnlich schweißtreibenden Angelegenheit machen. Der Grund: Atom- und Steinkohlekraftwerke sind auf Kühlwasser aus Flüssen angewiesen. Und das wird langsam knapp.

Im Karlsruher Rheinhafen musste bereits der Kraftwerksblock RDK 7 seine Leistung um 140 Megawatt drosseln. Denn Umweltauflagen schreiben vor, dass der Fluss durch die Einleitung genutzten Kühlwassers nicht über einen bestimmten Wert hinaus erwärmt werden darf.

Auch der Kraftwerksbetreiber Steag bekam es mit der Hitze zu tun: Das Steinkohle-Kraftwerk Bergkamen A musste seine Leistung um 150 Megawatt drosseln. Grund: Die Lufttemperatur war so hoch, dass der Kühlturm des Kraftwerksblocks nur noch 30 Grad warmes und damit unbrauchbares „Kühlwasser“ ins System speiste.

Ähnliches Ungemach droht demnächst an vielen deutschen und europäischen Kraftwerksstandorten, wenn Trockenheit und Höchsttemperaturen so bleiben wie vorhergesagt.

„In der Elbe, der Weser und dem Neckar sowie in der Schweizer Aare und der Loire in Frankreich nähern sich die Temperaturen schnell einem Niveau, ab dem Kraftwerke nicht mehr uneingeschränkt Kühlwasser aus den Flüssen entnehmen könnten“, zitiert das Fachportal „Montel“ Robin Girmes von der Agentur „EnergyWeather“. So würden an einzelnen Messstellen an der deutsch-niederländischen Grenze bereits Wassertemperaturen von 25 Grad Celsius gemessen. „Wenn das über 26 Grad geht – und das ist nur eine Frage von zwei bis drei Tagen – dann kommt es zu massiven Einschränkungen in den Beneluxländern.“

Die Lage erinnert Girmes an das Jahr 2003: Damals stieg die Wassertemperatur im Rhein auf 28 Grad. Weil ein massives Fischsterben die Folge war, wurden die Kühlwasserregeln für Kraftwerke deutlich verschärft. „Wir haben für die nächsten zwei bis drei Wochen Parallelen zu 2003“, sagte der Experte für Energiewetter gegenüber „Montel“.

Kraftwerksbetreiber und Aufsichtsbehörden lassen deshalb die Thermometer nicht mehr aus den Augen. Wenn sich zum Beispiel der Rhein so erwärmt wie prognostiziert, müsste das Großkraftwerk Mannheim in der kommenden Woche seine Leistung von 2000 Megawatt um 60 Prozent reduzieren, bestätigt Kraftwerkssprecher Thomas Schmidt.
In dem mit Kraftwerken strukturell unterversorgten Süddeutschland könnte das zu einer angespannten Versorgungslage führen. Nach WELT-Informationen hat das Großkraftwerk Mannheim deshalb bereits bei der Landesregierung beantragt, trotz eventueller Erwärmung des Rhein-Wassers auf über 28 Grad zumindest noch den neusten Kraftwerksblock 9 mit rund 900 Megawatt Leistung weiter am Netz zu lassen.

„Zur Erhaltung der Versorgungssicherheit des Landes und um Stromabschaltungen zu vermeiden, können für bestimmte Kraftwerke Ausnahmegenehmigungen zum Weiterbetrieb erteilt werden, wenn es die gewässerökologischen Randbedingungen zulassen“, erklärte ein Sprecher des Umweltministeriums Baden-Württemberg: „Einen entsprechenden vorsorglichen Antrag auf eine Ausnahme hat derzeit das Großkraftwerk Mannheim gestellt.“

Anders als einige Kohlemeiler melden die deutschen Atomkraftwerke bislang noch keine Einschränkungen. So ist die Kühlwassersituation etwa für das Kernkraftwerk Gundremmingen am Oberlauf der Donau witterungsbedingt noch relativ entspannt.
Aber nicht bei allen Atomkraftwerken ist die Situation gleich so komfortabel wie im Kernkraftwerk Emsland bei Lingen. Der Meiler verfügt über einen eigens angelegten Kühlwassersee.

Im Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein wird die Lage jedoch langsam grenzwertig. „Ab einer Elbwasser-Temperatur von 23 Grad Celsius wird die Kraftwerksleistung sukzessive reduziert, damit die wasserrechtliche Einleiterlaubnis für das Kühlwasser eingehalten wird“, erklärte ein Sprecher des Kieler Umwelt- und Energiewende-Ministeriums. „Eine Lastabsenkung wurde noch nicht erforderlich, da die aktuelle Elbwassertemperatur gerade 23 Grad Celsius beträgt.“

Das allerdings kann sich bald ändern, wenn sich die Hitzewelle erst voll ausbreitet. Auf Ersatz durch skandinavische Stromlieferungen kann Norddeutschland dann aber nicht hoffen: Die norwegischen Wasserkraftwerke, gelegentlich als „Stromspeicher für die Energiewende“ tituliert, führen wegen der Dürre kaum noch Wasser, was Norwegen jüngst selbst zum Stromimporteur machte.

Von München aus überwacht im Auftrag der Stromnetzbetreiber und Aufsichtsbehörden ein so genannter „Regional Security Coordinator“ die Lage im europäischen Stromnetz. Die TSCNET Services GmbH wertet mit mehr als 50 Experten kontinuierlich Kraftwerks- und Verbrauchsdaten aus, um auf mögliche Engpässe im europäischen Stromnetz hinzuweisen.
Nach Einschätzung der Experten sind trotz der sehr hohen Temperaturen auf Basis der verfügbaren Datenlage in den nächsten Tagen keine kritischen Situationen im europäischen Stromnetz zu befürchten. Im Gespräch mit WELT versichert TSCNET-Geschäftsführer Maik Neubauer: „Die Situation wird täglich neu bewertet und ist mit verschiedenen anderen Risikomanagementprozessen europaweit integriert.“

Dass dieses Maß an Versorgungssicherheit vor allem auf die erneuerbaren Energien zurückzuführen wäre, lässt sich nicht ohne Einschränkung sagen. Zwar produzieren die Fotovoltaik-Anlagen auf deutschen Dächern und Freiflächen derzeit auf Hochtouren. Zeitweise lieferten die Solarpanels mehr als 25.000 Megawattstunden ab, bei einem deutschen Gesamtverbrauch von gut 70.000 Megawattstunden zum gleichen Zeitpunkt.
In der Nacht allerdings, als die Solarstromproduktion naturgemäß auf Null zurücksank, beruhte die deutsche Stromversorgung über fast zehn Stunden hinweg hauptsächlich auf Atom- und Kohlewerken und damit auf Anlagentypen, die nach dem Willen der Klimapolitik innerhalb weniger Jahre allesamt abgeschaltet werden sollen.

Gaskraft- und Biomassekraftwerke trugen ihr Scherflein zur Stromversorgung ebenfalls bei. Doch die 30.000 deutschen Windräder mit einer Nennleistung von 56.000 Megawatt fielen als Stromproduzent in den vergangenen Tagen fast vollständig aus. Die Anlagen warfen oft kaum mehr als bescheidene 1000 Megawattstunden ab.

Für die Strukturkommission der Bundesregierung, die derzeit den möglichst raschen Ausstieg aus der Kohleverstromung plant, könnte es vor diesem Hintergrund bedenkenswert sein, dass die klimapolitisch verpönten Braunkohlekraftwerke weitgehend immun gegen Hitze sind. Denn die riesigen Braunkohle-Anlagen im Rheinischen Revier und in der Lausitz werden hauptsächlich mit Grubenwasser aus den Tagebauen gekühlt, das sommers wie winters die angenehme Eigenschaft hat, nicht kälter und nicht wärmer als rund 20 Grad zu sein, wenn es aus dem Boden kommt.

Das gilt auch für Boxberg in der Oberlausitz: Das riesenhafte Braunkohlekraftwerk bezieht sein Kühlwasser zwar hauptsächlich aus dem Schwarzen Schöps und der Spree. Doch der Tagebau Reichwalde leitet sein Grubenwasser dem Flussystem zu, so dass eine Kühlwasserknappheit auch hier nicht zu befürchten ist, wie ein Sprecher des Betreibers Leag betont: „Der Tagebau gibt mehr Wasser rein, als das Kraftwerk rausnimmt.“
Mit diesem unerschöpflichen Kühlmittel erweisen sich die Braunkohleblöcke, einmal mehr als Stützen des Versorgungssystems.

Doch weil die deutschen Braunkohlekraftwerke für einen großen Teil der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich sind, bereitet eine „Strukturkommission“ im Auftrag des Bundes derzeit den möglichst raschen Ausstieg aus dieser Erzeugungstechnik vor, die bislang noch rund ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs deckt. Die Politik steht damit vor der Herausforderung, einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit zu finden.

Quellen: Die Welt vom 27. Juli 2018, Spiegel Online vom 26. Juli 2018

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