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Kohlegegner setzen Besetzungs-Zug im Rheinland fort

Nach dem vorläufigen Rodungsstopp am Tagebau Hambach leben die Kohlegegner weiter ihr eigenes Recht. Sie bauen und besetzen erneut Baumhäuser im Hambacher Forst. Immer wieder dringen krawallbereite Kohlegegner in den Tagebau ein und stören den Betrieb. Zudem werden auch wieder Häuser besetzt. Die Faszination der Selbstermächtigung führt regelrecht zu Heldengeschichten, obwohl es sich in erster Linie um Rechtsbrüche dreht.

Manheim ist ein Restdorf, so wie auch der nahe Hambacher Forst nurmehr ein Restwald ist. Ganze Straßen haben die Rollläden herabgelassen, rund 30 Häuser sollen noch bewohnt sein in dem Ort bei Kerpen, der mal 1750 Einwohner hatte, aber nun tatsächlich auf der Kippe steht: an der Abbruchkante des Tagebaus. Wieder einer fort, sofort kommen die Handwerker, reißen den Asphalt auf, klemmen Wasser und Strom ab, es folgen die Entrümpler. Und nun die Besetzer. Sie tauschen Baumhäuser gegen welche aus Stein. Der Protest bekommt ein „Upgrade“.

Seit Jahren saßen sie in den Bäumen, die Aktivisten. Nun, da das Oberverwaltungsgericht einen Abbaustopp verfügt hat unter dem Forst, fühlen sie sich als Sieger. Ein Urteil wird erst für das Jahr 2020 erwartet, reichlich Zeit also, in die Offensive zu gehen, in die Restdörfer.
Garage mit Glassplittern „gesichert“

„Es werden ja auch Menschen weggebaggert“, sagt ein 51-Jähriger mit dem Tarnnamen Janosch, während hinter ihm eine junge Besetzerin eine Rolle Stacheldraht in einen Hof an der Friedensstraße trägt. Alle sechs Häuser um dessen malerischen Hof stehen leer, drei haben die Besetzer eingenommen innerhalb von anderthalb Wochen. Sie haben Nachtwachen eingerichtet auf Dächern und an Kreuzungen, haben die Garage mit Glassplittern gesichert und einer verängstigten Anwohnerin einen Präsentkorb gebracht auf gute Nachbarschaft. Gerade halten Einheimische vor dem Haus, steigen nicht aus, fragen, was die Leute da treiben, es wird ein freundliches Gespräch. Man bedankt sich für die Unterstützung. RWE hat eine Front mehr.

Tatsächlich alarmiert der RWE-Werkschutz die Polizei: Es seien mehrere Personen in leer stehende Häuser eingebrochen. Während die Beamten vor Ort sind, meldet die Polizei am Tag darauf, sei es zu weiteren Einbrüchen und Diebstählen gekommen. 30 vermummte Personen seien den Ermittlern „derart bedrohlich nah“, dass sie Pfefferspray einsetzten. Die RWE Power AG stellte Strafantrag.

Schon der Kampf um den Hambacher Forst folgte dem „Star-Wars“-Muster, wie eine Werbung von Umweltorganisationen polemisch darlegt: Die Rebellen kämpfen um jeden Zentimeter, und als die letzte Feste schon gefallen ist, taucht eine strahlende Heldin auf. Nur hat sie kein Lichtschwert, sondern eine Waage in der Hand: Justitia.

„Kess“, ein 21-jähriger Student, ist zweimal geräumt worden, ist zweimal zurückgekehrt in den Wald und wachte am 5. Oktober in einem Baumwipfel auf, als jemand ihm emporrief, es gebe einen Räumungsstopp . „Wir haben es geschafft, einen kapitalistischen Großkonzern aufzuhalten“, sagt Kess. „Wann ist das das letzte Mal gelungen?“

Er radelt nun ganz frei durch den Wald, wo von ihm geschätzte 100 Mitstreiter nun nach neuen Eigenheim-Bäumen suchen. Es sind weniger als vor dem Showdown, aber vor dem Winter dünnt es sich immer aus. Sie haben schon wieder Plattformen hochgezogen, die sie ausbauen wollen zu Baumhäusern, zu neuen „Dörfern“ jenseits der Schlachtfelder von gestern. Sogar im aktuellen RWE-Abbaugebiet nördlich der A 4, berichtet Kess, solle ein Nest entstehen: „Grüne Frieda“ – deutsch-ironisch für „Greenpeace“.

Kess will bleiben, will „nebenbei in anarchischen Strukturen und in der Natur studieren“ und berichtet von „Technologietransfer“ der besonderen Art: Aktivisten aus den USA und Australien hätten den Deutschen „coole Sachen“ gezeigt, wie man Baumhäuser gegen schweres Gerät sichert. Auf den Hauptwegen stehen neue Barrikaden, man muss Slalom laufen. In einem großen Erdloch, das sie Bombenkrater nennen, buddeln sie mit Spitzhacken, um ihn so steil zu machen, dass kein Radlader vorfahren kann. Zelte aus Planen stehen darin, der Widerstand ist in Goldgräberstimmung.

Die Polizei will „aus einsatztaktischen Gründen“ nicht sagen, wie viele Kräfte noch dauerhaft hier sind. Sprecher Andreas Müller gibt dennoch einen Hinweis: „Aus der Wahrnehmung sind wir verschwunden.“ Kess formuliert unbeschwert: „Wir können wieder singen und tanzen, ohne Angst zu haben.“

Überall rüsten sie auf: An der Landstraße baut „Shadow“, 54, Handwerker, gerade den improvisierten Wetterschutz der Mahnwache ab, während seine Kollegen in Köln ein winterfestes 40-Mann-Zelt abholen. Shadow redet von den letzten Wochen wie von einem Krieg. Berichtet von seiner Idee: sich nicht nur am Baumhaus anzuketten, sondern an einer Barrikade. Er kletterte hinein, kettete seinen Hals eng an einen Stützpfeiler, warf den Schlüssel fort.

Als die Polizei das Hindernis stürmte, sah sie ihn offenbar nicht, die Struktur verschob sich, und Shadow zeigt nun seine schorfigen Finger, mit denen er die Rinde des Pfeilers abkratzte, um sich einen Zentimeter zum Atmen zu verschaffen. „Maximale Verzögerung“, sagt er. Und: „Der Einzelne kann mit einem Fahrradschloss viel bewegen.“ Shadow hat sich schon ein neues geholt.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 20. Oktober 2018

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