tl_files/Aktuelles/Tagebau/000200_preview.jpg

Übereilter deutscher Kohleausstieg kostet zusätzlich 100 Milliarden Euro

Ein überhasteter Ausstieg aus der Braunkohle hat nicht nur drastische Folgen für die Reviere und die dort lebenden Menschen. Die gesamte Volkswirtschaft müsste teuer dafür bezahlen. Der DEBRIV hat die Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft mal nachrechnen lassen. Das Ergebnis ist deutlich. Ein schnelles Aus für die Kohle verursacht Zusatzkosten von 100 Milliarden Euro und gefährdet Zehntausende Arbeitsplätze.

Ein schneller Ausstieg aus der Braunkohle mit einer raschen Abschaltung von Kraftwerken gefährdet bis 2030 bis zu 72.000 Arbeitsplätze. Im Zeitraum von 2020 bis 2040 verursacht ein schneller Ausstieg volkswirtschaftliche Zusatzkosten von annähernd 100 Milliarden Euro. Über diese Ergebnisse der IW-Studie im Auftrag des Deutschen Braunkohle-Industrie-Vereins (DEBRIV) berichtet das Handelsblatt.

Das Ringen um die Zukunft der Kohleverstromung geht in diesen Wochen in die Schlussphase. Nach Revierbesuchen in Mitteldeutschland und der Lausitz werden die Mitglieder der von der Bundesregierung eingesetzten Strukturkommission im Rheinischen Revier tagen.

Die Kommission, die Ende Juni ihre Arbeit aufgenommen hat, soll Wege für einen Ausstieg aus der Nutzung der Kohlekraftwerke aufzeigen. Sie fokussiert sich dabei auf zwei Aspekte: den Strukturwandel in den besonders betroffenen Regionen und einen konkreten Ausstiegspfad für Braun- und Steinkohle.

Nach bisheriger Planung soll noch im Oktober das Kommissionsergebnis zum Thema Strukturwandel vorliegen. Derzeit wird an dem Text gearbeitet. Ende des Jahres soll dann der zweite Teil folgen: Voraussichtlich am 11. Dezember wird die Kommission ihre Vorschläge für die Abschaltung von Kohlekraftwerken präsentieren. Das Kalkül dahinter: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) könnte mit den konkreten Vorschlägen für den Kohleausstieg zur Schlussphase der Weltklimakonferenz ins polnische Kattowitz reisen und Deutschlands ramponierten Ruf als Vorreiter in Sachen Klimaschutz aufpolieren. Die Konferenz endet am 14. Dezember.

Währenddessen steigt der Druck aus den betroffenen Regionen. Die Präsidenten der drei Industrie- und Handelskammern Mittlerer Niederrein, Köln und Aachen warnen die Mitglieder der Kohlekommission in einem „Rheinischen Appell“ vor Schäden für die energieintensive Industrie. Die Kommission steht vor der schwierigen Aufgabe, den Herausforderungen des Klimaschutzes gerecht zu werden, ohne Strukturbrüche zu provozieren oder die Sicherheit und Bezahlbarkeit der Stromversorgung zu gefährden.

Während Klimaschutzorganisationen und die Grünen einen raschen Ausstieg aus der Verstromung von Braun- und Steinkohle für unabdingbar und auch wirtschaftlich vertretbar halten, gibt es in der Industrie viele warnende Stimmen. Neben den Kraftwerksbetreibern selbst sind auch ihre größten Kunden, die Unternehmen der energieintensiven Industrie, sehr skeptisch.

Die Kraftwerksbetreiber verweisen außerdem darauf, dass ihre Anlagen ohnehin schon den Vorgaben des Europäischen Emissionshandels genügen müssen. Tatsächlich unterliegt die Energiewirtschaft dem Emissionshandel, dessen Regeln für die Zeit nach 2020 kürzlich verschärft wurden.

Der Emissionshandel sorgt dafür, dass der CO2-Ausstoß des Energiesektors bis 2030 im Vergleich zu 2005 um 43 Prozent reduziert wird. Im Gegensatz zu den Sektoren, die nicht dem Emissionshandel unterliegen, etwa dem Verkehrssektor, ist die Energiewirtschaft bei der Erfüllung europäischer Klimaschutzziele voll im Plan.

Der Bundesregierung reicht das aber nicht aus. Sie hat bereits mit dem in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedeten „Klimaschutzplan 2050“ festgelegt, dass die Energiewirtschaft sich weitaus mehr anstrengen muss. Die Unternehmen der Branche sollen ihre Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 bis 2030 um 61 bis 62 Prozent reduzieren. Diese zusätzliche nationale Regulierung für die Energiewirtschaft könnte für die betroffenen Unternehmen teuer werden. Die von der Braunkohlewirtschaft in Auftrag gegebene IW-Studie vergleicht im Wesentlichen die Kosten, die durch das nationale Ziel für 2030 entstehen, mit den Kosten, die bei einer reinen Fortführung des Emissionshandels ohne zusätzliche Maßnahmen entstehen würden.

Die Studie zeige, dass die betroffenen Regionen schon heute aufgrund geltender Klimaschutzvorgaben vor erheblichen Herausforderungen stünden, sagte DEBRIV-Vorstandschef Helmar Rendez. „Wer jetzt noch national draufsatteln und das Aus für die Kohle schneller will, nimmt verheerende Strukturbrüche billigend in Kauf“, sagte er.

Das nationale Sonderziel für 2030 führe „zu einem erheblich schnelleren Rückgang der Braunkohleverstromung und einem deutlich vorgezogenen Arbeitsplatzabbau, nicht nur in der Braunkohlewirtschaft, sondern auch in den Vorleistungsbranchen“, heißt es in der IW-Studie. Die Analyse der Strukturwandelvoraussetzungen in den einzelnen Revieren zeige, dass kurzfristig keine Strukturen bestünden, die einen durch das nationale Ziel für 2030 verursachten abrupten Strukturwandel auffangen könnten.

„Insbesondere im Mitteldeutschen Revier und mehr noch in der Lausitz haben die Braunkohlewirtschaft und damit mittelbar verbundene Branchen hohe Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile in der Region, ohne dass es nennenswerte Alternativen gibt“, schreiben die Autoren der IW-Studie. Mit Blick auf das Rheinische Revier heißt es, die in unmittelbarer Nähe zu den Standorten der Braunkohlekraftwerke angesiedelte energieintensive Industrie werde „durch in der Folge des Kohleausstiegs steigende Strompreise in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt“.

In den energieintensiven Branchen – Chemie, Stahl, Metalle, Papier, Zement, Glas – wächst die Sorge vor den Folgen eines übereilten Kohleausstiegs. „Für die Industrie in Deutschland ist es überlebenswichtig, dass auch nach einem Kohleausstieg ein Energiesystem zur Verfügung steht, das Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Preise garantiert“, sagte Barbara Minderjahn, Geschäftsführerin des Verbands VIK, in dem große Energieverbraucher aus der Industrie zusammengeschlossen sind.

Beides seien notwendige Rahmenbedingungen, um den Erhalt von Wohlstand und Wachstum in Deutschland zu sichern. „Damit schützen wir einerseits Tausende Industriearbeitsplätze und wahren gleichzeitig die notwendigen Investitionsspielräume, um die Forschung und Entwicklung neuer klimafreundlicher Technologien weiter voranzubringen“, sagte Minderjahn.

Die Folgen eines raschen Kohleausstiegs für die Entwicklung der Strompreise sind in den vergangenen Wochen immer wieder diskutiert worden. Da wegfallende Kohlekapazitäten zumindest zum Teil durch Gaskraftwerke ersetzt werden müssten, würde das Strompreisniveau steigen. Die Kosten der Stromerzeugung in Gaskraftwerken liegen deutlich über denen in Kohlekraftwerken.

Einer im August veröffentlichten Studie des Beratungsunternehmens Frontier Economics zufolge stiegen die Preise bei einem Kohleausstieg bis 2040 um 25 Euro je Megawattstunde. Gegenüber einem Szenario ohne politisch forcierten Ausstieg wären das neun Euro mehr je Megawattstunde. Das entspräche einem Anstieg um annähernd 20 Prozent. Die Studie hatte RWE in Auftrag gegeben.

Klimaschützer sehen das alles wesentlich entspannter. So kam eine Studie von Fraunhofer ISE für Greenpeace kürzlich zu dem Ergebnis, ein kompletter Kohleausstieg bis 2030 sei möglich. Der WWF skizziert den Pfad für einen Kohleausstieg bis 2035. Dazu müsste die Kohleverstromung in Deutschland im Vergleich zum aktuellen Stand bis 2025 um 64 Prozent, bis 2030 um 73 Prozent verringert werden und zum Ende des Jahres 2035 vollständig auslaufen.

Mittel- und langfristig müssten auch die Erdgaskraftwerke vom Netz gehen. Kern der WWF-Überlegungen ist ein forcierter Ausbau der erneuerbaren Energien und des Stromnetzes. Die regenerative Stromerzeugung soll im Vergleich zu heute bis 2030 um 85 Prozent und bis 2050 um 250 Prozent gesteigert werden.

Die Mitglieder der Kohlekommission stehen vor der schwierigen Aufgabe, sich auf der Basis der unterschiedlichen Sichtweisen ein eigenes Bild zu machen. Auch innerhalb der Kommission gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Mitglied, das namentlich nicht genannt werden möchte, hält eine konsensuale Lösung für schwierig, schreibt das Handelsblatt.

Einzelne Mitglieder hätten für energiewirtschaftliche Grundvoraussetzungen wie Versorgungssicherheit und Preiswürdigkeit nur wenig Verständnis, andere rückten diese Aspekte in das Zentrum der Betrachtung. „Wie ein Kompromiss aussehen soll, kann ich im Moment nicht erkennen“.

Quelle: Handelsblatt vom 23. Oktober 2018

Zurück    Zum Seitenanfang

 

Unsere Themen. Ihre Erkenntnis

Lausitz, Braunkohle, Verstromung, CO2-Emmission, Tagebau, Kraftwerk, Energiesystem, Energiewende, Rekultivierung, Umsiedlung, Grundlast, Energiemix, EEG, Erneuerbare Energien, Aufforstung, Sozialverträglichkeit, Wertschöpfung, Technologie, Energieregion, Jänschwalde, LEAG, Strukturwandel, Rohstoff, Renaturierung, Klimawandel, Seenland, Lausitzer Braunkohle, Grüne Liga, Greenpeace, Klimakiller, Heimatverlust, Welzow-Süd

www.pro-lausitz.dePRO LAUSITZER BRAUNKOHLEwww.pro-lausitz.de